Die Effektpedale von Kevin Shields: So entstand der My Bloody Valentine Sound
Kevin Shields, der kreative Kopf hinter My Bloody Valentine, hat die Alternative-Rock-Szene der späten 80er und frühen 90er Jahre entscheidend mitgeprägt. Seine innovative Herangehensweise an das Gitarrenspiel, der experimentelle Einsatz des Studios als Instrument und eine beeindruckende Sammlung von Effektpedalen verschmolzen zu dem einzigartigen Shoegaze-Sound der Band. Dieser Artikel taucht tief in die Klangwelt von Shields ein und enthüllt die Geheimnisse seines unverwechselbaren Gitarrensounds.
Mehr als nur Effekte: Eine differenzierte Betrachtung
Obwohl Shoegaze oft mit einem übermäßigen Einsatz von Reverb und Fuzz in Verbindung gebracht wird, betont Shields selbst, dass sein Ansatz weitaus vielschichtiger ist. In einem aufschlussreichen Interview mit Mixdown stellt er klar, dass der charakteristische Sound von My Bloody Valentine (MBV) nicht allein auf der Verwendung von Effektpedalen beruht. Die Reduzierung auf das Genre “Shoegaze” greift zu kurz und vereinfacht die komplexe Klangästhetik der Band. Überraschenderweise kommen viele Songs, wie zum Beispiel der Klassiker “Only Shallow”, gänzlich ohne Reverb aus. Dies unterstreicht, dass der MBV-Sound weit über den bloßen Einsatz von Bodeneffekten hinausgeht.
Das Studio als Instrument
Schon in den 90er Jahren wurde die Musik von My Bloody Valentine oft als “Studiomanipulation” beschrieben. Das Studio war für Shields weit mehr als nur ein Ort der Aufnahme – es war ein integraler Bestandteil des kreativen Prozesses, ein Instrument an sich. Klanggestaltung und innovative Produktionstechniken standen im Vordergrund, und Shields nutzte das Studio, um den Klang bis ins kleinste Detail zu formen. Er kritisiert die heutige Tendenz, Informationen ungeprüft aus dem Internet zu übernehmen, und betont die Bedeutung von fundierter Recherche.
Studiotechniken im Detail
Die “Studiomanipulation” bei My Bloody Valentine umfasste eine Reihe von Techniken. Dazu gehörte der intensive Einsatz von Reverse Reverb, insbesondere durch das Yamaha SPX90, wie in Gearnews detailliert beschrieben wird. Auch Sampling spielte eine wichtige Rolle. Für “To Here Knows When” nutzte Shields Gitarrenfeedback, um daraus Melodien zu kreieren. Das Layering, also die Schichtung von zahlreichen Gitarrenspuren, war ein weiteres zentrales Element, das zum dichten, vielschichtigen Klang beitrug. Um den typischen, “verschwommenen” Klang zu erreichen, wurde das Album Loveless in Mono abgemischt, wodurch die einzelnen Spuren zu einer Klangwand verschmolzen.
Die “Glide Guitar”-Technik: Ein Markenzeichen
Ein zentrales Element des Sounds von Kevin Shields ist die “Glide Guitar”-Technik, die er mit seiner Fender Jazzmaster perfektioniert hat. Dabei geht es nicht nur um subtile Vibrato-Effekte; Shields manipuliert den Tremolo-Arm seiner Gitarre rhythmisch und mit Nachdruck. Er hat den Tremolo-Arm sogar modifiziert, um ihn extrem locker zu machen, was ihm eine intuitive und fast unbewusste Kontrolle während des Spielens ermöglicht. Durch das Anschlagen von Akkorden und gleichzeitiges Bewegen des Tremolo-Arms entstehen die charakteristischen Tonhöhenschwankungen, die den Klang von My Bloody Valentine so einzigartig machen – ein schwebender, leicht verstimmter und doch organischer Sound. Wie Shields im Gespräch mit Far Out Magazine enthüllt, entdeckte er diese Technik eher zufällig, als er während der Aufnahmen zu “Thorn” zum ersten Mal eine Jazzmaster in die Hand nahm.
Reverse Reverb, Sampling und rhythmische Experimente
Der Einsatz von Reverse Reverb ist ein weiteres prägendes Element des MBV-Sounds. Shields verwendete hierfür vor allem das Yamaha SPX90, ein in den 90er Jahren weit verbreitetes Rack-Effektgerät. Der Reverse Reverb erzeugt einen anschwellenden, ätherischen Hall, der den Gitarrenklang in eine traumartige Atmosphäre hüllt. Aber auch Delay- und Chorus-Effekte tragen dazu bei, die dichten und vielschichtigen Klangtexturen zu erzeugen, die für My Bloody Valentine so typisch sind. Shields’ Experimentierfreude ging sogar so weit, dass er Sampling-Techniken einsetzte. Ein Beispiel hierfür ist der Song “To Here Knows When”, in dem er Gitarrenfeedback sampelte und in melodische Linien verwandelte. Shields war stets auf der Suche nach unkonventionellen Klängen.
Effekte und Rhythmus
Shields beschränkte seine Experimente nicht nur auf Melodie und Harmonie, sondern bezog auch den Rhythmus mit ein. Im Song “All I Need” erzeugte er mit einem Alesis Midiverb II einen pulsierenden, fast herzschlagähnlichen Rhythmus. Und in “Wonder 2” verschwimmen die Grenzen zwischen Drums, Effekten und Gitarren zu einer undurchsichtigen Klanglandschaft, wie The Quietus in einer Analyse herausarbeitet. Diese rhythmischen Experimente tragen maßgeblich zum einzigartigen Charakter der Musik von My Bloody Valentine bei.
Der Fender Shields Blender: Eine Hommage an den Fuzz
Shields’ Vorliebe für Fuzz-Pedale ist unüberhörbar. Seine langjährige Beziehung zum Fender Blender, einem Vintage-Fuzz-Pedal aus den 60er/70er Jahren, führte schließlich zu einer Zusammenarbeit mit Fender. Das Ergebnis ist der Fender Shields Blender, eine limitierte Neuauflage, die um Shields’ eigene Modifikationen erweitert wurde. Dieses Pedal bietet nicht nur den ursprünglichen Fuzz-Sound des Fender Blenders, sondern auch einen “Sag”-Schaltkreis, der für dynamische Klangeinbrüche sorgt, und die Möglichkeit, verschiedene Fuzz-Kanäle miteinander zu mischen. Shields selbst beschreibt den Klang des Original-Fender Blenders als “fuzziger, wärmer und berührungsempfindlicher” im Vergleich zu anderen Pedalen, wie in einem Artikel von Guitar World zu lesen ist. Brooklyn Vegan hebt hervor, dass der Fender Blender eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des extremen Sounds der Single You Made Me Realise spielte.
Shields’ beeindruckende Pedalsammlung
Im Laufe der Jahre hat sich Shields’ Pedal-Setup stetig erweitert. Fotos zeigen eine beeindruckende Sammlung von Effektpedalen, die auf mehrere Pedalboards verteilt sind. Diese Sammlung umfasst eine Vielzahl von Fuzz-Pedalen, beispielsweise von Devi Ever, aber auch Delays, Modulationseffekte, Equalizer und vieles mehr. Diese Vielfalt an Pedalen verdeutlicht Shields’ unermüdliche Suche nach neuen und ungewöhnlichen Klängen. Eine detaillierte Auflistung der Pedalboards findet sich bei Everyday Guitar Gear.
Einige Schlüsselpedale im Detail
Neben dem Fender Blender sind einige weitere Pedale besonders hervorzuheben. Der Reverse Reverb des Yamaha SPX90 ist, wie bereits erwähnt, essentiell. Shields nutzte auch gerne die Kombination aus Roger Mayer Active Fuzz und Octave Fuzz, wie Reverb berichtet. Die Digitech Whammy ist ein weiteres wichtiges Pedal für Pitch-Shifting-Effekte. Für das Album Loveless kamen unter anderem Jim Dunlop Fuzz, Marshall Shredmaster und Boss PN-2 Tremolo zum Einsatz, wie Gearnews auflistet.
Verstärker als Teil des Sounds
Um den massiven und vielschichtigen Gitarrensound zu erzeugen, setzte Shields auf eine Kombination verschiedener Verstärker. Dazu gehörten unter anderem der Marshall JCM800, Vox AC30, Hiwatt-Topteile und Fender Dual Showman, wie ebenfalls bei Gearnews nachzulesen ist. Die Kombination dieser Verstärker trug zur klanglichen Breite und Dynamik bei.
Die Herausforderung der Live-Umsetzung
Die Komplexität der Studioaufnahmen von My Bloody Valentine stellt eine große Herausforderung für die Live-Umsetzung dar. Shields ist bekannt dafür, immer noch nach der perfekten Pedal-Kombination zu suchen, um den Sound bestimmter Songs, wie zum Beispiel “Only Shallow”, live adäquat wiederzugeben. Der Sound von My Bloody Valentine ist ein fortlaufender Prozess des Experimentierens und der ständigen Weiterentwicklung.
Das Vermächtnis von Kevin Shields
Kevin Shields ist zweifellos eine der prägendsten Figuren des Shoegaze. Seine innovative Herangehensweise an die Verwendung von Effektpedalen, die Entwicklung der “Glide Guitar”-Technik und sein kompromissloser Ansatz bei der Klanggestaltung haben unzählige Musikerinnen und Musiker inspiriert. Er hat eindrucksvoll bewiesen, dass die E-Gitarre, in Kombination mit den richtigen Werkzeugen und einer kreativen Vision, ein Instrument mit nahezu unendlichen klanglichen Möglichkeiten ist. Sein Vermächtnis manifestiert sich im einzigartigen Sound von My Bloody Valentine und in der Inspiration, die er anderen Musikern gibt, die Grenzen des Klangs immer wieder neu zu definieren und zu erweitern.